Gemeindegeschichte

Auf Moränenhügeln, östlich des Innflusses und auf den Anhöhen beiderseits der Rohrdorfer Ache, im Gebiet der heutigen Einheitsgemeinde Rohrdorf, sind Siedlungen aus prähistorischer und frühgermanischer Zeit nachweisbar. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts war der Inn noch ein sehr rauher Geselle, hatte jedoch ein mit Flößen und Schiffen befahrbares Hauptbett, viele Nebenarme und Altwasser; er durchzog ein Auengebiet von etwa zwei Kilometer breite im heutigen Ortsteil Thansau, der davon seinen Namen hat: „Tansaw“ bedeutet die „Au am Tannenwald“. Durch seine Lage östlich dieser Flussauen gehörte unser Siedlungsgebiet ehemals zum keltischen Königreich der Noricer, später zur römischen Provinz Noricum. Unsere Vorbewohner stammten jedoch aus viel früherer Zeit. In der Ortsflur Geiging wurden in den Jahren 1922 und 1979 bronzene kunstvoll geschmiedete Schwerter und Messer ausgepflügt. Dieser Fund ist sehr bedeutungsvoll, denn es handelt sich hier um den ersten in Bayern entdeckten Urnen-Friedhof mit zwei Schwertgräbern (1200 v. Chr.). In der gleichen Flur wurde ein Doppelgrab mit Beigaben freigelegt, das aus der Merowingerzeit, etwa 500 n. Chr. stammt. Im Ortsflur Thalmann fand man bei der Nutzung einer Kiesgrube ein Reihengrab mit 22 Gräbern und vielen Beigaben aus der Aigolfingerzeit, etwa dem 6./8. Jh.
Um die Wende zum 1. Jahrtausend n. Chr., als die Römer ihren Herrschaftsbereich über die Alpen bis zur Donau ausdehnten, legten sie zu ihren Stützpunkten außer den großen Fernstraßen der Süd-Nord-und West-Ost-Richtung weitere Schubverbindungen an. Ein solcher Versorgungsweg verlief von Veldidena (Wilten) über Kufstein, Beuern, Pinswang, Rohrdorf, Geiging, Lauterbach und Pons Aeni (Innbrücke bei Langenpfunzen).

In unserem Siedlungsraum hatten wir zwei „Urhöfe“, einen in Rohrdorf, den zweiten in Thansau. Es waren Versorgungsgüter der römischen Besatzungsmacht, sogenannte „Kolonenhöfe“. Mit großer Sicherheit darf angenommen werden, dass die römischen Herren diese Höfe von den Vorbewohnern, den Kelten, übernommen haben. Nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft im 5. Jh. gingen die Anlagen der Militär-und Verwaltungszentren, damit auch die landwirtschaftlichen Güter, in den Besitz der germanischen Grafen über.

Dorfmitte Rohrdorf, Gasthof Stocker (um 1930)

So wurde der Rohrdorfer Urhof zum Salhof des Herrengeschlechtes der Aribonen und damit - nach Teilung in vier Höfe - die Grundlage für die Weiterentwicklung des Oberdorfes von Rohrdorf. Der Urhof in der Thansau gehörte im frühen Mittelalter als Meierhof zum „Herrenhof an der Sims“; auch dieser wurde in vier Höfe gleicher Größe geteilt. Mit dem Hof eines „Freien Bauern“ bestand der heutigen Ortsteil Thansau bis gegen Ende des 19.Jh. nur aus den auf Moränenhügeln liegenden fünf Anwesen.
Gelegentlich der Einverleibung Baierns in das Frankenreich ließ der Erzbischof Arno von Salzburg mit Zustimmung des Königs Karl des Großen ein Verzeichnis, die „Notitia Arnonis“ anlegen, in dem alle Vergabungen enthalten sind, welche die Kirche Salzburg aus herzoglich baierischem Gute erhielt. Darin sind auch die drei alten, früher selbständigen Pfarreien „rordorf, lutrinpah und huinmos“ mit ihren Gütern aufgeführt. Dies geschah im Jahre 788 n. Chr. - es war der erste urkundliche Nachweis über die Orte Rohrdorf, Lauterbach und Höhenmoos.

Postkarte Lauterbach mit Heuberg

Der Ortsteil gehörte seit dem frühen Mittelalter zur „Herrschaft Beuern“ und war im 8. Jh. deren Herrschaftsmittelpunkt. Im Jahre 924 wurden hier Verträge zwischen dem Erzbischof Odalbert von Salzburg mit der „nobilis femina Rihni“ und dem Grafen Chadolhoh aus dem Adelsgeschlecht der Aribonen abgeschlossen.
Vom 12. bis zum 15. Jh. finden wir den Ortsadel der „Rordorfer“, Ministerialen der Grafen von Falkenstein und das Adelsgeschlecht der „Bschächel“. Im Ortsteil Rohrdorf gab es zwei Edelsitze, „der Ober Thurm und Schloß daselb“ von dem noch „zway gewelber ...“ erhalten sind und „... der Unnder Thürn Und Burckhstall...“, an dessen früherem Standort heute ein Teil des Hofes „Bauer am Turm“ steht. Beide Schlösser sind bei einem Großfeuer im Jahre 1554 „...durch prunst Verdorben...“, nur das „Obere Schloß“ wurde wieder aufgebaut und als Wohnsitz an Grundholden vergeben.
Für Lauterbach ist aus einer Beurkundung um 1120 ein „Wolferus de Luterbach“ bekannt. Ferner gab es im 14. und 15. Jahrhundert das Adelsgeschlecht der Friesinger, die wie ein Urkundensiegel aus dem Jahre 1387 bezeugt als Wappentier den Geißbock führten. Ihr Sitz, ein Wirtschaftsgebäude und ein „Hofhaus“, umgeben von einem Wassergraben lag nordwestlich der jetzigen Ortschaft. Auf dem Grundstück wurde eine alte Waffe gefunden, die man als „Schlagwaffe“ (Morgenstern) aus dem 14. Jahrhundert identifizierte.
Von dem Adelsgeschlecht in Höhenmoos ist sehr wenig überliefert: Im Jahr 1130 wird ein „Herant von Hohenmoos“ bezeugt. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts ist kein Vertreter von Höhenmoos mehr in den Urkunden zu finden, doch lassen die 2,5 Meter dicken Grundmauern im Riederanwesen auf einen Edelsitz schließen.

Grundstück Tiefenthaler, Thansau

Die gegenseitigen Beziehungen der drei Gemeinden zueinander reichen bis in das frühe Mittelalter zurück. Im 12./13. Jh. umfasste die damalige Großpfarrei Rohrdorf, neben sieben anderen Kirchen wie Grainbach, Roßholzen und Neubeuern, die Filialkirchen Lauterbach und Höhenmoos.
In der Folgezeit gab es manche Veränderung, bezüglich der Ortsteile in den Obmannschaften, die im 18. Jh. alle drei zum Amt Rossersberg gehörten. Die Ortsteile unserer drei Dörfer sind immer enger zusammengewachsen und haben sich zu Dorfgemeinschaften mit eigenem Vermögen und Rechten entwickelt. Dies war ausschlaggebend, dass sie durch das „Gemeindeedict“ von 1808 und die „Bayerisch-Königliche Verordnung des Jahres 1818“ als „Ruralgemeinden“ anerkannt und bestätigt wurden. Sie waren bis zur Gebietsreform der 70er Jahre unseres Jahrhunderts selbständige Gemeinden mit eigenem Wappen.
Das 19. Jh. brachte für die Hofbesitzer wichtige Änderungen bezüglich deren Eigentumsverhältnisse. Die bisherigen „Untertanen“ oder Grundholde der „Obereigentümer“ - in Rohrdorf war dies vor allem der Herrschaft Neubeuern, in den beiden anderen Ortschaften Klöster und Kirchen - konnten nun ihre Besitzungen durch Kauf ablösen.
Alle drei Gemeinden waren durch Jahrhunderte hindurch vorwiegend landwirtschaftlich ausgerichtet. Außer den üblichen Dorfhandwerkern, der Müller, Schmiede, Kistler und Maurer, gab es den Beruf des Samers und des Scheibenboten. Letztere transportierten Salz auf dem Rücken der Pferde, später in zwei- bis dreispännigen Wagen. In der Übergangszeit vom 19. zum 20. Jh. ist bereits der Beginn einer strukturellen Wandlung der Berufe zu erkennen - aus Bauern wurden „Oekonomen“, die durch die Nutzung der Wasserkraft, der Steinbrüche, sowie der Torf- und Lehmlagerstätten und der Fuhrwerkerei teils zu beachtlichem Reichtum gelangten. Auch nach Kohle wurde Mitte des 19. Jahrhunderts im Bereich des Schaurainer Berges und unterhalb von Höhenmoos geschürft, allerdings mit wenig großem Erfolg. Einen besonderen Fortschritt brachte die Elektrizitätsversorgung an der Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert. Eine Postkarte aus Höhenmoos vom 1. Okt.1920 berichtet: „Heute brennt zum ersten mal das elektrische Licht. Es brennt so schön....“.
Der Durchbruch zur industriellen Landgemeinde vollzog sich im 2. Jahrzehnt letzten Jahrhunderts mit der Einführung der Elektrizität als Energiequelle, dem Bau der Eisenbahn und der Errichtung einer Pulverfabrik, nach dem 1. Weltkrieg eines Zementwerks in Sinning, nach dem 2.Weltkrieg weiterer Industriewerke in Gmein und in Thansau.

Rathaus Rohrdorf (um 1978)

Die Folge der Industrialisierung und der große Zustrom von Flüchtlingen aus dem Sudetenland und Schlesien nach dem Zusammenbruch des Reiches führte zu einem sprunghaften Anstieg der Bevölkerung, vor allem in Thansau. Dieser Ortsteil wurde durch die Innkorrektion und den Bau des Staudammes der Innwerke erst zu besiedelbarem Gebiet.
Schwere Zeiten gab es für Rohrdorf Jahrhunderte hindurch; es litt unter durchziehenden Heerscharen, deren Einquartierungen und Plünderungen, besonders aber im Jahre 1800 unter den napoleonischen Einbruch in das Dorf. Gegen Ende des 1. Weltkrieges gab es eine heftige Explosion in der Thansauer Pulverfabrik - mit Toten und vielen Schwerverletzten, im 2. Weltkrieg wurden Rohrdorf, Gmein und Thansau mit Bombenteppichen der alliierten Feindmächte belegt, wieder verloren 9 Einwohner ihr Leben und es entstand schwerer Sachschaden an einigen Höfen.

Schulhausneubau Thansau
Schule Thansau

Die Geschichte von Rohrdorf handelte HH. Pfarrer Josef Dürnegger in seinem 1905 erschienen Band „Rohrdorf einst und jetzt“ ab. Darauf basierend und auf die Vorgeschichte und die Geschichte Lauterbachs und Höhenmoos eingehend, verfasste Hans Riedler zwei Bände der Ortschronik „Rohrdorf eine Ortsgeschichte“ Band 1 (erschienen 1980) und  Band 2 (erschienen 1996). Alle drei Bände zur Ortsgeschichte sind bei der Gemeinde erhältlich.
Die Währungsreform des Jahres 1948 brachte eine schlagartige Wende auf allen Gebieten. In einigen Ortsteilen der Gemeinde setzte eine rege Bautätigkeit ein, denn eines der dringendsten Probleme war die menschenwürdige Unterbringung der Heimatvertriebenen. Industrieunternehmungen wurden ausgebaut oder neu angesiedelt, neue Straßen mussten gebaut werden, zentrale Wasserversorgung, Kanalisation und Kläranlagen wurden notwendig, es vollzog sich eine Umstrukturierung auf vielen Gebieten. Vor allem in Thansau und Rohrdorf ging die Entwicklung zügig voran. Nördlich von Thansau entstanden neue Gewerbegebiete, auf dem früheren Gelände der Ziegelei Tiefenthaler wurden neue Betriebe angesiedelt, bestehende Industrie- und Gewerbebetriebe in Rohrdorf erweiterten sich beträchtlich. In Achenmühle fand eine High tech Firma ihre Heimat. Daneben blühten das Handwerk, die Gastronomie und das Hotelwesen auf. Aus dem bäuerlich - handwerklichen Gemeinwesen entwickelte sich eine gewerblich strukturierte Landgemeinde mit günstiger Stadtrandlage zu Rosenheim.
Mit dem Bau von Kindergärten in Thansau und Achenmühle, dem errichteten Schul-, Sport und Freizeitzentrum am „Turner Hölzl“ und den Vereinshäusern in allen Ortsteilen wird den geänderten bildungspolitischen, sportlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen Rechnung getragen. Eine private Grund-, Haupt- und Fachoberschule, die Montessorischule ergänzt den Reigen des schulischen Angebots.
Eine Fülle von Traditions-, Heimat-, Sport-, Musik- und Gesellschaftsvereinen, die oft schon über 100 Jahre bestehen bestimmen das Gemeindeleben. Mit ihrem regen Vereinsleben in allen Ortsteilen sowie mit den modern ausgerüsteten Feuerwehren und einer Sanitätsbereitschaft geben sie den Bürgerinnen und Bürgern ein breites Angebot auf allen Gebieten und ein weites Betätigungsfeld.